Kontaktmann zum "Nationalsozialistischen Untergrund" festgenommen

Anläßlich der heutigen Verhaftung des Düsseldorfer Carsten Schultze durch ein GSG9 Kommando unter der Beschuldigung der Beihilfe zum Mord dokumentieren wir einen Artikel aus der Ausgabe Februar 2012 der Zeitung TERZ:

Was wusste Carsten S.? Kontaktmann zum "Nationalsozialistischen Untergrund" lebt in Düsseldorf

Nach und nach aber kommt – nicht zuletzt auch aufgrund der kontinuierlichen Arbeit antifaschistischer Strukturen – ein klein wenig Licht ins Dunkel des Unterstützer_innennetzwerks des als "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) bzw. "Zwickauer Zelle" bekannt gewordenen Trios. Mit einer umfassenden Aufdeckung des Geschehenen aber rechnet niemand. Auch in Düsseldorf ist das Thema aufgrund des immer noch nicht aufgeklärten Wehrhahn-Anschlages im Jahr 2000 seit dem 4. November 2011 wieder präsent. Hinzu kommt jetzt, dass einer der frühen Unterstützer_innen des abgetauchten Trios seit 2003 in Düsseldorf weilt: Carsten S.

Wer ist Carsten S.?

"Der Spiegel" wusste es wieder einmal als erster, wird er doch immer mal wieder aus den Behörden gezielt und exklusiv mit "geheimen" Informationen versorgt. Dieses Mal war es ein "geheimes" Papier des Bundesamtes für Verfassungsschutz, in dem Erkenntnisse aus der Suche nach dem 1998 abgetauchten Trio zusammengefasst waren. Durch einen Artikel im "Spiegel" 1-2012 wurde bekannt, dass es um die Jahrtausendwende einen weiteren Kontaktmann zum NSU gegeben hatte, eben jenen Carsten S., um 1998/1999 aktiv im "Thüringer Heimatschutz" (THS), später dann als Landesbeauftragter Thüringen der "Bundesführung" der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten", nach Gründung des JN-Landesverbandes als stellvertretender JN-Landesvorsitzender und abschließend offenbar auch als JN-Landeschef. Laut "Spiegel" soll S. dem damaligen THS-Führer und gleichzeitig als V-Mann des thüringischen Verfassungsschutzes tätigen Tino Brandt am 13. März 1999 mitgeteilt habe, dass nun er (S.) den Kontakt zu Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe halte.

Der zu diesem Zeitpunkt erst 18- oder 19-jährige Nachwuchsaktivist S. wurde damals vom Kreis um den derzeit wegen Unterstützung des NSU in U-Haft sitzenden Neonazikader Ralf Wohlleben für höhere Aufgaben aufgebaut. Er wurde als Versammlungsleiter bei Aufmärschen eingesetzt und leitete Mitgliederschulungen. Offenbar wurde er auch als ausreichend vertrauenswürdig angesehen, um als Kontaktmann zu den Untergetauchten zu dienen. Hierbei scheint es sich aber eher um eine Notlösung gehandelt zu haben, da Wohlleben überwacht wurde und er deshalb die technische Abwicklung der Kontaktpflege immer mehr S. alleine überließ. Hierzu zählte auch das Organisieren neuer Unterkünfte sowie die Versorgung mit Geldmitteln. Wahrscheinlich aber war der recht unerfahrene S. mit der ihm anvertrauten Aufgabe überfordert und geriet zudem in die Kritik, da er es mit der erforderlichen Konspirativität offenbar nicht ganz so genau nahm.

Wann genau sich S. zurückzog, ist nicht nachvollziehbar, eine Entscheidung dürfte im Sommer oder Herbst 2000 gefallen und bis Ende 2000 vollzogen worden sein. Bis wann er als Kontaktmann zu den Untergetauchten diente, ist ebenso unklar. Auffällig ist jedoch die zeitliche Nähe seines Rückzuges zu dem Mord an Enver Simsek am 9. September 2000, dem nach bisherigen Erkenntnissen ersten von insgesamt zehn Morden des NSU.

Carsten S. nahm 2003 ein Studium an der FH Düsseldorf auf und engagierte sich seitdem und bis heute im sozialen Bereich. Es lagen und liegen Antifaschist_innen keinerlei Hinweise vor, dass S. in seiner Düsseldorfer Zeit Kontakte in die Neonazi-Szene hatte oder noch mit dieser sympathisierte. Aufgrund seiner Vergangenheit und vieler offener Fragen wurde ihm damals jedoch eine Wahrnehmung von Ämtern in Organen der Verfassten StudentInnenschaft vom AStA verweigert. S. akzeptierte diese Entscheidung.
Offene Fragen

Obwohl viele Fragen unbeantwortet blieben, wurde S. – da sein völliger Rückzug aus der Neonazi-Szene glaubwürdig wirkte – nach seinem Auftauchen in Düsseldorf lediglich der Zugang zu linken Strukturen und Ämtern an der FH verweigert. Es wurden ihm keinerlei Steine in den Weg gelegt, sich ein neues Leben aufzubauen, schließlich ist ein Ausstieg aus der Neonazi-Szene grundsätzlich begrüßenswert. Jetzt aber stellt sich die Situation differenzierter dar. Es ergeben sich folgende Fragen: Welche konkreten Unterstützungsleistungen gingen von S. aus und wer war noch involviert? Wusste er, hatte er Hinweise darauf oder ahnte er zumindest, dass die von ihm zeitweise betreuten Untergetauchten hinter dem Mord an Enver Simsek steckten? Und damit auch hinter den folgenden Morden und Anschlägen? Besteht vielleicht sogar ein Zusammenhang zwischen dem Mord an Enver Simsek und seinem Rückzug? Hat S. etwaige Informationen oder Hinweise bezüglich der abgetauchten Neonazis und der Anschläge weitergegeben? Wenn ja, wann und an wen?

Die Öffentlichkeit und insbesondere die überlebenden Opfer der Anschläge sowie die Angehörigen und Freund_innen der ermordeten Opfer haben ein Recht darauf zu erfahren, was geschehen ist. S. muss Verantwortung übernehmen für das, was er eventuell mit angerichtet oder aber eventuell nicht verhindert hat. Das hat er bisher auch nicht annähernd zufriedenstellend getan. Laut "Spiegel-online" habe sein Anwalt gegenüber dpa bisher nur geäußert, dass sein Mandant "von den Straftaten der Zwickauer Terrorzelle nichts gewusst" habe und "über deren Aktivitäten extrem erschrocken" sei. Er habe "nach 2000 keinen Kontakt mehr zur rechten Szene gehabt". S.: "Seitdem habe ich mich davon distanziert und verabscheue jegliche Art von rechtem, rassistischem und extremistischem Gedankengut. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, da ich vor elf Jahren ein neues Leben begonnen habe." Für Enver Simsek und neun andere Mordopfer jedoch begann kein neues Leben.

Quelle: www.terz.org/texte/texte_1202/nsu-kontaktmann.html

Was wusste Carsten S.?

Kontaktmann zum "Nationalsozialistischen Untergrund" lebt in Düsseldorf

Nach und nach aber kommt – nicht zuletzt auch aufgrund der kontinuierlichen Arbeit antifaschistischer Strukturen – ein klein wenig Licht ins Dunkel des Unterstützer_innennetzwerks des als "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) bzw. "Zwickauer Zelle" bekannt gewordenen Trios. Mit einer umfassenden Aufdeckung des Geschehenen aber rechnet niemand. Auch in Düsseldorf ist das Thema aufgrund des immer noch nicht aufgeklärten Wehrhahn-Anschlages im Jahr 2000 seit dem 4. November 2011 wieder präsent. Hinzu kommt jetzt, dass einer der frühen Unterstützer_innen des abgetauchten Trios seit 2003 in Düsseldorf weilt: Carsten S.

Wer ist Carsten S.?

"Der Spiegel" wusste es wieder einmal als erster, wird er doch immer mal wieder aus den Behörden gezielt und exklusiv mit "geheimen" Informationen versorgt. Dieses Mal war es ein "geheimes" Papier des Bundesamtes für Verfassungsschutz, in dem Erkenntnisse aus der Suche nach dem 1998 abgetauchten Trio zusammengefasst waren. Durch einen Artikel im "Spiegel" 1-2012 wurde bekannt, dass es um die Jahrtausendwende einen weiteren Kontaktmann zum NSU gegeben hatte, eben jenen Carsten S., um 1998/1999 aktiv im "Thüringer Heimatschutz" (THS), später dann als Landesbeauftragter Thüringen der "Bundesführung" der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten", nach Gründung des JN-Landesverbandes als stellvertretender JN-Landesvorsitzender und abschließend offenbar auch als JN-Landeschef. Laut "Spiegel" soll S. dem damaligen THS-Führer und gleichzeitig als V-Mann des thüringischen Verfassungsschutzes tätigen Tino Brandt am 13. März 1999 mitgeteilt habe, dass nun er (S.) den Kontakt zu Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe halte.

Der zu diesem Zeitpunkt erst 18- oder 19-jährige Nachwuchsaktivist S. wurde damals vom Kreis um den derzeit wegen Unterstützung des NSU in U-Haft sitzenden Neonazikader Ralf Wohlleben für höhere Aufgaben aufgebaut. Er wurde als Versammlungsleiter bei Aufmärschen eingesetzt und leitete Mitgliederschulungen. Offenbar wurde er auch als ausreichend vertrauenswürdig angesehen, um als Kontaktmann zu den Untergetauchten zu dienen. Hierbei scheint es sich aber eher um eine Notlösung gehandelt zu haben, da Wohlleben überwacht wurde und er deshalb die technische Abwicklung der Kontaktpflege immer mehr S. alleine überließ. Hierzu zählte auch das Organisieren neuer Unterkünfte sowie die Versorgung mit Geldmitteln. Wahrscheinlich aber war der recht unerfahrene S. mit der ihm anvertrauten Aufgabe überfordert und geriet zudem in die Kritik, da er es mit der erforderlichen Konspirativität offenbar nicht ganz so genau nahm.

Wann genau sich S. zurückzog, ist nicht nachvollziehbar, eine Entscheidung dürfte im Sommer oder Herbst 2000 gefallen und bis Ende 2000 vollzogen worden sein. Bis wann er als Kontaktmann zu den Untergetauchten diente, ist ebenso unklar. Auffällig ist jedoch die zeitliche Nähe seines Rückzuges zu dem Mord an Enver Simsek am 9. September 2000, dem nach bisherigen Erkenntnissen ersten von insgesamt zehn Morden des NSU.

Carsten S. nahm 2003 ein Studium an der FH Düsseldorf auf und engagierte sich seitdem und bis heute im sozialen Bereich. Es lagen und liegen Antifaschist_innen keinerlei Hinweise vor, dass S. in seiner Düsseldorfer Zeit Kontakte in die Neonazi-Szene hatte oder noch mit dieser sympathisierte. Aufgrund seiner Vergangenheit und vieler offener Fragen wurde ihm damals jedoch eine Wahrnehmung von Ämtern in Organen der Verfassten StudentInnenschaft vom AStA verweigert. S. akzeptierte diese Entscheidung.

Offene Fragen

Obwohl viele Fragen unbeantwortet blieben, wurde S. – da sein völliger Rückzug aus der Neonazi-Szene glaubwürdig wirkte – nach seinem Auftauchen in Düsseldorf lediglich der Zugang zu linken Strukturen und Ämtern an der FH verweigert. Es wurden ihm keinerlei Steine in den Weg gelegt, sich ein neues Leben aufzubauen, schließlich ist ein Ausstieg aus der Neonazi-Szene grundsätzlich begrüßenswert. Jetzt aber stellt sich die Situation differenzierter dar. Es ergeben sich folgende Fragen: Welche konkreten Unterstützungsleistungen gingen von S. aus und wer war noch involviert? Wusste er, hatte er Hinweise darauf oder ahnte er zumindest, dass die von ihm zeitweise betreuten Untergetauchten hinter dem Mord an Enver Simsek steckten? Und damit auch hinter den folgenden Morden und Anschlägen? Besteht vielleicht sogar ein Zusammenhang zwischen dem Mord an Enver Simsek und seinem Rückzug? Hat S. etwaige Informationen oder Hinweise bezüglich der abgetauchten Neonazis und der Anschläge weitergegeben? Wenn ja, wann und an wen?

Die Öffentlichkeit und insbesondere die überlebenden Opfer der Anschläge sowie die Angehörigen und Freund_innen der ermordeten Opfer haben ein Recht darauf zu erfahren, was geschehen ist. S. muss Verantwortung übernehmen für das, was er eventuell mit angerichtet oder aber eventuell nicht verhindert hat. Das hat er bisher auch nicht annähernd zufriedenstellend getan. Laut "Spiegel-online" habe sein Anwalt gegenüber dpa bisher nur geäußert, dass sein Mandant "von den Straftaten der Zwickauer Terrorzelle nichts gewusst" habe und "über deren Aktivitäten extrem erschrocken" sei. Er habe "nach 2000 keinen Kontakt mehr zur rechten Szene gehabt". S.: "Seitdem habe ich mich davon distanziert und verabscheue jegliche Art von rechtem, rassistischem und extremistischem Gedankengut. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, da ich vor elf Jahren ein neues Leben begonnen habe." Für Enver Simsek und neun andere Mordopfer jedoch begann kein neues Leben.